Cordula Mears-Frei, Schopfheim

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Interview mit einer Pferdeflüsterin

von Cordula Mears-Frei

Seit gut zehn Jahren arbeitet sie praktisch täglich mit Pferden und Kindern: Myriam Zahrte lehrt Pferdekommunikation, gleichzeitig ist sie Waldorferzieherin und Heilpädagogin. Die Mutter von vier Kindern und lebt mit ihrer Familie auf Hof Zahrte bei Schopfheim, wo die Pferde ohne geschlossene Boxen in einem offenen Stall-Gehege mit viel Freiraum und großzügigen Weiden gehalten werden. Über ihre Erfahrungen mit dem „Wesen Pferd“ in der pädagogischen Arbeit sprach mit ihr Cordula Mears-Frei.

Was ist es, das Dich an dem Pferd als Tier begeistert?
Pferde haben eine besondere Kraft: eine geistige Intelligenz und gleichzeitig eine instinktive Ursprünglichkeit. Das Wesen des Pferdes hat für mich etwas Unfassbares, ich nenne das auch den Pferde-Sinn. Das ist etwas, das wir Menschen nicht oder nicht mehr haben, eine ursprüngliche Verbindung zur Natur. Und Kinder finden in dieser Arbeit mit den Pferden wieder zu diesen Urkräften zurück, die die Pferde uns ständig spiegeln.

Was ist das Neue an dem Impuls, den Du in der Arbeit mit Pferden entwickelt hast?
Reitschüler lernen auf unserem Hof neben dem selbstverständlichen Umgang mit den Tieren, sie zu „beobachten“. Das kann man nur, wenn die Pferde in ihrer ursprünglichen Haltung leben dürfen. Da zeigen sie Verhaltensweisen und Regeln, die uns Menschen abhanden gekommen sind, die wir aber auch als Menschen üben können. In meiner Arbeit mit Pferden geht es nicht nur darum, mit Zügeln zu reiten und die Kraft der Pferde zu bändigen, sondern dass wir die Pferde mit allen Sinnen fühlen, dass wir ihr Verhalten beobachten und gleichermaßen spiegeln die Tiere uns selbst in einer vollkommenen Authentizität. Wir beginnen den Reitunterricht damit, dass wir in der so genannten Bodenarbeit dem Pferd auf unseren eigenen Füßen auf der Erde begegnen, noch nicht auf ihm sitzen. Ich fühle es; neben ihm laufend, ich pflege es und beobachte es. Ich erobere es erst allmählich, indem ich es immer mehr kennen lerne und dann darf ich vielleicht auch einmal auf ihm reiten. Der Mensch darf – das ist ganz wichtig. Viele Mädchen möchten mit den Pferden arbeiten weil sie wohl untergründig spüren, dass sie ähnliche Kräfte wie das Pferd auch haben.

Was sind das für Kräfte?
Gerade Mädchen und heranwachsende junge Frauen in der heutigen Zeit dürfen zu wenig zeigen, was sie wirklich haben: Lebensfreude, Spiel, Bewegung, Energie und Kreativität. Diese Qualitäten spiegelt ihnen das Pferd. Es sind eigentlich Licht-Erlebnisse. Was stattdessen vielfach in den Mädchen lebt sind Blockaden, ist Versagens-Angst, Misstrauen, also dunklere Kräfte Das alles haben die Pferde nicht.
Pferde sind frei von Wertungen, sie halten nicht an Emotion fest, sie riechen gut, fühlen sich warm an, sie sind stark, elegant und friedlich.

Aber wie ist das mit den Rangeleien, die man auch unter Pferden sieht, ihre Wildheit und manchmal ihr Bocken?
Die soziale Struktur der Pferde ist ja bestimmt durch ihre Herde, und da gibt es in der Regel so etwas wie einen passiven Chef, der die anderen Pferde auf ihre Plätze schickt, dann verläuft es harmonisch. Schwierig wird es, wenn man einen „böswilligen“ Anführer in der Herde hat, der die anderen unterdrückt. Das sind oft Pferde, die schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben. Für die Kinder ist es oft sehr lehrreich, die Tiere in ihrem sozialen Verhalten wahrzunehmen und sie verarbeiten dabei oft Erlebnisse, welche sie z.b. auch von ihrer Schulklasse kennen.

Du bist ja auch eine Pferdetherapeutin, die mit verstörten Tieren arbeitet, um sie wieder in ihre Mitte zu bringen. Wie gehst Du da vor?
Ich versuche herauszubekommen, was dem Pferd gut tut und versuche dann, aus meiner eigenen Mitte heraus eine Beziehung zu dem Pferd zu bekommen. Dann kann ich es darin stärken, zu seiner eigenen ursprünglichen Kraft zurückzufinden. Das Wesentliche dabei ist, wie ich mich zu dem Pferd in eine innere Verbindung bringe.

Was passiert genau beim „Pferdeflüstern“?
Das ist schwer in Worte zu fassen – ich spüre da eine nicht zu beschreibende Kraft, eine große Befreiung, wo ich nichts mehr will und nichts mehr mache, einen Moment der Stille und des Nicht-Seins.

Wie kann man sich das vorstellen – Du sitzt da auf deinem schwarzen Hengst und tust “nichts“?
Nichts im äußeren Sinne. Es ist ein klitzekleiner Moment, der im Grunde unfassbar ist, wo ich keine eigenen Impulse mehr spüre. Die Arbeit zwischen mir und dem Pferd hat vorbereitend so stattgefunden, dass das Pferd jetzt etwas für mich tut, ohne dass ich es weiter will, und das ist dann für mich das größte Geschenk.

Das ist ja das Geheimnis seit Urbeginn der Kultivierung der Haustiere, wie finden Mensch und Pferd zusammen?
Der Wille allein reicht für eine Verbindung nicht. Es ist in der Pferdepädagogik bekannt, dass die Pferde sich dann auch wehren können. Pferde funktionieren nicht so, wie wir Menschen über den Willen arbeiten, sondern ich muss versuchen, dass Seelisch-Geistige des Tieres zu erkennen: wo ist ihm etwas verloren gegangen? Bei verstörten Pferden ist es meist so, dass es sich aufgrund negativer Erfahrungen praktisch so verhalten muss, es hat gar keine andere Möglichkeit mehr. Das ursprünglich Spirituelle, die Reinheit des Pferdes ist dann verloren gegangen. Dahin zu spüren, wie ich ihm das wieder nahe bringe, dass es wieder ganz Pferd sein darf, das ist meine Aufgabe.

Du gehst also davon aus, dass es in dem Pferd so etwas wie einen unschuldigen Ur-Zustand gibt – wie dürfen wir uns das vorstellen?
Man kennt vielleicht die geflügelten Pferde aus dem Mythos. Dieses geflügelte Pferd kann sogar fliegen, es verbindet die Erde mit dem Himmel, woraus etwas Neues entstehen kann. Das ist eine hohe geistige Intelligenz voller Weisheit. In der Antike gab es den Pferd-Menschen Chiron, der vielen Fähigkeiten der Vermittlung zwischen Himmel und Erde hatte und auch Heiler war. Ich denke, dass zur Mission des Pferdes auch die Heilung gehört.

Kulturgeschichtlich haben wir ja diesen Zugang zu den Pferden nach und nach verloren. Vielleicht auch, weil im traditionellen Umgang mit Pferden davon die Rede ist, dass der natürliche Wille des Pferdes gebrochen werden muss?
Genau das tun wir hier nicht. Wenn ich eine echte Verbindung aufbaue kann ich durch meine Wachheit, meine Präsenz, meine innere Schau das Pferd zähmen und es sozusagen als Partner auf meine Seite bringen.

Das setzt aber doch so etwas wie Interesse bei dem Pferd an einer Zusammenarbeit voraus?
Ich glaube, dass wir Menschen die Möglichkeit haben, Tiere in ihrer Entwicklung weiterzubringen. Früher dienten uns die Pferde als reine Nutztiere. Genauso wie es heute „neue Kinder“ gibt, erlebt man auch in der Reitpädagogik eine neue Pferdekultur. Wenn ich mit einem Pferd gut arbeite, indem ich es in seinem Wesentlichen erkenne und unterstütze, dann kann das Pferd alle seine Möglichkeiten in eine Höchstform bringen: es kann stehen, sich für mich setzen, sich im Kreis drehen, es kann auf einem Podest stehen , und, es kann mich hören, ohne dass ich es unterdrücke– das kann ich dann alles abrufen, aber das kann nicht über den herkömmlichen Willen gehen.

Was passiert nun in Deinem Reitunterricht, wo die Kinder ohne Zügel und Sattel reiten lernen?
Die Kinder beginnen damit, nur mit einem Seil zu reiten, das dem Pferd locker angelegt ist, zuerst vielleicht mit geschlossenen Augen. Das Kind spürt, dass das Pferd sich unter ihm bewegt, aber vielleicht nicht unbedingt in die Richtung, die es möchte. Dann kann ich dem Kind einen Hinweis geben, dass es sich selbst in die Richtung bewegen soll, in die es mit dem Tier gehen möchte. Meist folgt dann das Pferd der Körpersprache des Kindes. Die Kinder lernen aber auch, dass das nicht funktioniert, wenn man nicht ganz beim Pferd ist, wenn man abgelenkt ist oder mit der Nachbarin plaudert. Pferde sind immer im Hier und Jetzt und fordern uns immer ganz, halbe Sachen gibt es da nicht. So lernen die Kinder, ganz präsent zu sein. Erst später kommt die Arbeit mit Zügeln hinzu. Dabei finden sich im Kind Willen und Körper zu einer Einheit, was von einem Gefühl der Geborgenheit und des Wohlgefühls begleitet ist, hieraus schöpfen die Kinder neue Kräfte.

Wie findest Du selbst zu der Intuition, die für Deine Arbeit nötig ist?
Ich versuche, jeden Tag eine Rückschau auf meine Arbeit zu halten, mich einmal wie von außen selbst zu beobachten. Und aus dieser Rückschau ergeben sich dann die nächsten Schritte, gerade auch wenn eigene Fehler ein Thema waren. Dabei versuche ich immer wieder neu und unbefangen auf die Kinder und Pferde zuzugehen. Das funktioniert aber nicht über den Kopf- dazu braucht es die Entwicklung eines meditativen inneren Erspürens darüber, wo das Kind, oder das Pferd gerade in ihrer Entwicklung stehen.

Was motiviert Dich immer wieder dazu?
Immer nach einer solchen Rückschau erlebe ich, wie ich wieder einen Schritt weiter gekommen bin oder neue Erkenntnisse gewonnen habe. Dies äußert sich darin, dass dann auch in der Begegnung (Mensch und Tier) ganz neue Möglichkeiten entstehen.

Beim Umgang mit Pferden geht es immer auch um ein Führen und Geführt-Werden. Es entsteht etwas zwischen zwei Wesen, wo nicht mehr ganz eindeutig ist, wer hier eigentlich wen führt. Was können wir als Pädagogen daraus lernen?
Ich erlebe das als ein ganz neues Vertrauen in die Entwicklung der Kinder und der Menschen allgemein, dass wir achtsamer werden und eine neue Sinnlichkeit und eine neue Kreativität untereinander entsteht. Die Aufforderung an uns ist zu spüren: wer steht da vor mir, mit welchen Fragen? Komme ich da mit meinen didaktischen Plänen zurecht oder ist der Weg das Entscheidende? Dazu braucht man Mut, loszulassen, auf Kontrolle zu verzichten und einen Raum entstehen zu lassen, indem wesentliche Begegnung und Kommunikation möglich wird.

Das Gespräch führte Cordula Mears-Frei.

Myriam Zahrte ist praktizierende Heil- und Reitpädagogin und Pferdetrainerin. Sie arbeitet mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf ihrem Hof im Südschwarzwald.
Cordula Mears-Frei ist Voice Dialogue Therapeutin und Lehrerin. Gemeinsam entwickelten die beiden in langjähriger Zusammenarbeit einen tiefen und berührenden Dialog zwischen Mensch und Tier, welche beidseitig heilen und einladend zu einer neuen und ungewöhnlichen Form der Kommunikation einlädt. Weitere Informationen über den Hof unter:
www.hof-zahrte.de und Termine: www.praxis-integrationsarbeit.de

Über Cordula Mears-Frei

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Cordula Mears-Frei

Cordula Mears-Frei ist Gesprächs- und Voice Dialoguetherapeutin in Schopfheim. Sie leitet das Institut für integrative Bewusstseinarbeit in Basel.

Cordula Mears-Frei
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