Volker Knapp-Diederichs, Berlin

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Süße im Leben

Die Süße kommt und vergeht im Leben.


Lassen Sie mich diesen Satz erläutern.
Voller Süße kommt der Mensch zur Welt. Ein Baby ist süß. Besitzt eine Süße, die das Herz
anderer Menschen zum Schmelzen bringen kann, lässt man sich berühren. Kinder - wie junge
Tiere - sind süß, sie bleiben es eine Weile, vorausgesetzt, sie wurden nicht ereilt und verformt
von fremden Geschmackstönen der erwachsenen Welt. Tritt diese rabiat in kindliche
Wirklichkeit, vermischt sich die kindliche Süße mit ihrem Gegenteil: dem Bitteren.
Das Bittere entschlüpft vielem, was wir als Leben erfahren, das Bittere wird Lebenserfahrung:
entschlüpft der Kontaktlosigkeit, der Kälte, Beschämung, Qual, dem Schmerz, der
unbändigen Wut, dem schwarzen Hass, der apathischen Leere, der Blässe, der Kälte, der
Angst ...

In der Pubertät scheint Süße vielleicht zum letzten Male ganz und kraftvoll auf, tritt hervor
wie die aufgehende Sonne hinter den Bergen. "Süß" ist ein beliebtes Wort zwischen Jungen
und Mädchen, nicht immer nur ausgesprochen, auch oft nur gefühlt und gedacht. Süß sind die
Idole, die Begehrenswerten, der Glamour, die Helden und Heldinnen der Epoche der
erwachenden genitalen Sexualität.

Später, in der Welt erwachsen: Wo bleibt sie, die Süße?
In der sexuellen Liebe, in der Liebe überhaupt. Der Orgasmus in der Begegnung mit dem
geliebten Menschen ist süß, für Augenblicke Paradies und Ekstase, die Süße strömt hier,
körperlich und seelisch.

Auch im Zustand des Verliebtseins, in tiefer Liebe, die dem Herzen entströmt, die den Blick
erfüllt, die die Welt neu zu erschaffen vermag in strahlenderem Licht, scheint Süße auf.
Das Baby ist ganz, das heisst zugleich Oberfläche und Substanz, jede Zelle des kleinen
Körpers von Süße erfüllt. Der Erwachsene findet diese Ganzheit in Augenblicken
herzverbundener Sexualität wieder, so er diese zu leben vermag. Oder jagt ihr nach, als Fata
Morgana, als Glücksversprechen, das aufscheint, doch nie verweilt.

Bisweilen erkennt man Süße im Gesicht des Liebenden oder in den geheimsten Regionen des
Körpers, sucht man denn noch nach ihr und vermag mit dem Herzen zu sehen. Der Liebende
strahlt, er verströmt das Licht seines Herzens, und seine Lebensumwelt, ist sie einigermaßen
offen, erfreut sich an diesem Licht.

Auch vergehen diese Erfahrungen, verflüchtigen sich im Dunst des Alltäglichen, der Arbeit
und der Jagd nach dem nächsten Erfolg.

Im Großen und Ganzen ist es, zumindest in unserer abendländischen Kultur, das Bittere, das
allmählich Besitz ergreift von der Ausdruckssprache des Lebendigen im Menschen. Schaut
man in die Gesichter äterer Menschen, dann zeigt ihre Physiognomie, was an die Stelle der
Süße getreten ist: Kälte, Verbitterung, Abscheu, Schmerz oder Hass. Die Physiognomie des
durchschnittlichen Menschen in unserem Kulturkreis zeigt eines sehr deutlich: jede Art des
Älterwerdens vertreibt die Süsse aus den Gesichtern der Menschen, und es bleibt oft nur
das Bittere, Freudlose, Maskenhafte.
Die Süße ist jener Teil unserer Natur, die als Licht aus der Tiefe unseres Herzens scheint und
jede Zelle erstrahlen lässt. Deshalb erleben wir, erwachsen geworden, als Liebende die
Schöpfung heller, und das Leben erscheint voller Zauber und Schönheit, wird es mit den
Augen des Liebenden betrachtet. Denn der Liebende sieht mit dem Herzen und aus seinem
Herzen heraus, wie das Kind in seiner Natur. Die Herzen sind im Einklang mit dem Hier und
Jetzt. Mehr noch: Erkennen sich zwei liebende Herzen, dann scheint in diesen Augenblicken
wieder ganz jene Süße der Kindheit auf, in der das Leben noch so viel mehr von Lebenslust,
Freude, Ekstase und reinem Strömen besaß.

Gerade das macht es so schmerzhaft und schwer, geht die Liebesbeziehung den Weg, den
Liebesbeziehungen gehen: Die Süße vergeht angesichts der Missverständnisse und des
Misstrauens, der Enttäuschungen und Kränkungen, der Wut und der Ängste, kurzum, der
Schatten und Schattenseiten. Wenn sich das Bittere der Vergangenheit mit dem Bitteren der
Gegenwart vermischt, erscheint die Süße des Anfangs bald nur in Erinnerung, ein Punkt am
Horizont. Die Liebesbeziehung droht zu einer Beschwörungsgemeinschaft zu verkümmern,
deren einzige Mission bleibt, sich der Existenz dieses Punktes am Horizont zu vergewissern.
Bis irgendwann der Nährboden der Vergangenheit ausgelaugt ist.

So nehmen Liebesbeziehungen allzu oft den Weg des Lebens: von der Süße zum Bitteren.
Der Verlust des Süßen macht bitter und dieses Bittere lagert sich ab im Herzen, wie düstere
Kristalle, die kein Licht mehr reflektieren, es - im Gegenteil - dämpfen. Der Raum des
Herzens, der im Licht erstrahlt, wird eng, klein(lich), eingesperrt in die Höhlen des seelischen
Tora Bora? Das Herz selbst wird unbeweglich, trotzig, (ver)bitter(t), wird Spore, die zu
überwintern vorgibt, in Wahrheit jedoch abstirbt.

Wie das Herz sein Licht, so verliert der liebende Mensch oft seine Herzlichkeit, seine
Fähigkeit, mit dem Herzen zu sehen, zu hören, zu berühren, zu lieben ... wird blass und kalt
und grau, U-Bahnfahrer auf dem Weg durchs Beziehungs-Leben. Die Falle: er sieht seinen
Partner/seine Partnerin als Urheber. Wenn der sich nur verändern würde, dann käme die Süße
und das Licht zurück. Welch grandioser Irrtum!

Tatsache ist: wie im Leben so verlieren wir in den Liebesbeziehungen schnell die Süße und
die lichten Augenblicke ... in uns selbst (unserem Herzen). Stattdessen erschaffen wir mit
bitterem Blick etwas anderes, eine neue Welt, die Welt der Probleme, der Trennungen, der
unüberwindlichen Gegensätze.

Wie die Süße wiederfinden? Wenn wir uns auf die Suche nach der Süße in unserem Herzen
begeben. Wir brauchen nicht den idealen, phantastischen, perfekten Partner, um Süsse und
Licht zu finden. Nein, wir brauchen nicht mehr und nicht weniger als die Begegnung mit uns
selbst, die Begegnung mit unserem Herzen, die Wahrnehmung seiner Stimme, seiner
Wahrheit, seiner Wirklichkeit. Dort, in tiefen Gewölben des Herzens, wartet eine süße Sonne,
Beachtung zu finden. Wie wir zu unserem eigenen Herzen sind, so sind wir zum Herzen des
Anderen.

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